BRAZIL STORY – Teil 2: Nichts für schwache Nerven

In ihrem neusten Bericht aus Brasilien erzählt Dr. Isabelle Sawetz, Tochter von Frau Dr. Wegrostek, wie nervenaufreibend der Alltag in einem brasilianischen Krankenhaus verlaufen kann.

22:53: Nachtdienst im Staatskrankenhaus Carlos Chagas.

Ein Dienst auf der Allgemeinchirurgie heißt hier nicht nur eine akute Blinddarmentzündung zu diagnostizieren, sondern genauso Schussopfer und Brandverletzte zu versorgen. Die Notaufnahme ist voll, 3 Männer warten nach einem Motorradunfall darauf ihre Wunden versorgt zu bekommen und eine Frau krümmt sich vor Bauchschmerzen. „Frau Doktor, heute Nacht gibt es keinen Ultraschall, nur zur Info.“, was die Diagnose nicht unbedingt leichter macht. Angesichts der Krise des Staates und dem Mangel an Ressourcen, muss man hier lernen zu improvisieren.

Plötzlich die Nachricht: Ein Schussopfer unweit von hier muss in unser Krankenhaus transferiert werden. Männlich, 17 Jahre, angeblich Anführer einer Drogenbande. Aber keine Sorge, die Militärpolizei wird den Transport begleiten.

Der junge Mann befindet sich in einem Privatkrankenhaus, denn seit Kurzem gibt es hier in Rio de Janeiro das Gesetz, dass jedes Krankenhaus jeden Patienten (auch ohne Gesundheitsversicherung) für 24h betreuen muss, bevor derjenige dann in ein öffentliches Krankenhaus transferiert wird. Was in diesem Fall dann meine Aufgabe war.

Als ich in dem Krankenhaus ankomme, stehen vor der Tür schon 3 Einsatzwägen der Militärpolizei, mit 15 aufmagazinierten Männern, einer davon begleitet mich wie ein Bodyguard mit seinem Maschinengewehr in das Krankenhaus.

Der Patient, mit seinen 17 Jahren völlig harmlos aussehend, ist wach, ansprechbar und stabil. Der zuständige Anästhesist übergibt mir den Fall kurz und endet mit den Worten „Pass auf, die Verbrecher hier sind schlau. Lass dich auf kein Gespräch ein, setz dich nicht zum Patienten, sondern vorne in den Rettungswagen und lass die Polizei ihre Arbeit tun. Alles Gute.“

Das Krankenhaus verlassend, kommt mir eine Traube von Menschen entgegen, die Informationen von mir wollen, inklusive einer alten Frau, die behauptet seine Anwältin zu sein. Mein „Bodyguard“ schafft die Leute aus dem Weg und begleitet mich zum Krankenwagen.

Die Fahrt geht los:

Ein Pick-Up Truck der Militärpolizei vor mir, einer hinter mir, aus welchen je 5 Maschinengewehre links und rechts aus den Fenstern rausragen. Der dritte Polizeiwagen fährt ständig um uns herum, teilweise an Straßenkreuzungen stehenbleibend, wartend, dass wir vorbeifahren. Auf meine naive Frage ob der dritte Wagen nicht weiß wo wir hinmüssen, antwortet mir der Sanitäter lächelnd: „Nein Liebes, der sperrt die Straßen ab, damit niemand versucht unseren Wagen aufzuhalten und den Verbrecher hinten zu befreien.“

Alles klar.

Die Fahrt verlief zum Glück reibungslos und der Patient wurde auf unsere Bettenstation verlegt.
Als ich wieder in der Notaufnahme ankomme, starren mich meine Kollegen erwartungsvoll an: „Und? Lebt er?“, was ich bejahe.
Die Reaktion ist nicht die, die man sich normal von Ärzten erwartet: „Ach zum Teufel, die Verbrecher überleben einfach immer.“

Ein ganz normaler Nachtdienst hier in Rio, wo laut der Einwohner ein „Zivilkrieg“ herrscht.
Eindeutig nichts für schwache Nerven.

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